Zeitungen analysiert: Zu viel Auto, zu wenig für Öffis, Rad und Fuß

Berlin, 1. Oktober. Ausgewählte deutsche Tageszeitungen meinen Verkehr und berichten zu 97% über das Auto. Sie greifen weder aktuelle Trends noch zukunftsoffene Mobilitätsfragen auf. Das ergab eine Analyse der Initiative clevere Städte, die heute veröffentlicht wurde. Über 10 Wochen wurden die „Mobil“-Teile großer deutscher Tageszeitungen wie FAZ, Süddeutsche u.a. ausgewertet und auf deren redaktionelle Anteile in Quadratzentimetern zu den Verkehrsrealitäten in unseren Städten analysiert.

Zu Beginn der Fahrradsaison 2015 hat die Initiative clevere Städte die Mobil- und Verkehrsteile bzw. –Beilagen mehrere großer deutscher Tageszeitungen ausgewertet. Pro Ausgabe wurde die Berichterstattung in Quadratzentimeter vermessen, zusammengezählt und bewertet. Anschließend wurden diese mit den Verkehrsanteilen von Fuß- und Radverkehr, öffentlichem und motorisiertem Individualverkehr vergleichen. Untersucht wurde nicht die persönliche Verkehrsmittelwahl der Redakteure der entsprechenden Artikel, deren Einladung zu Incentive-Veranstaltungen von Automobil-Herstellern sowie der Umfang der Werbe-Schaltung in den jeweiligen Beilagen. 

„Erschreckend ist, dass die Verkehrsrealität von Millionen von Menschen in der Berichterstattung über Verkehr ausgeblendet wird“, so Heinrich Strößenreuther, Initiative clevere Städte. „Schon heute werden in ersten deutschen Städten nur noch ein Drittel der Wege im Auto bei abnehmender Tendenz zurückgelegt. Moderne Tageszeitungen sollten dem Auto, insbesondere nach den jüngsten betrügerischen Skandalen, nicht mehr als 50% ihrer redaktionellen Flächen in ihren Verkehrsteilen zugestehen.“

Insgesamt wird auf drei Prozent der redaktionellen Flächen über den Radverkehr berichtet, aber zu 97% über das Auto. Dabei werden nur noch 37% aller Wege mit dem Pkw zurückgelegt, Fahrgäste von Bus und Bahn (21%), Fußgänger (30%) z.B. auch mit Rollstühlen, Rollatoren oder Radfahrer (13%) finden nicht statt (Zahlen 2013 für die 25 größten Städte). Eine repräsentative Umfrage des Umweltbundesamtes ergab, das 82% der Befragten sich deutlich weniger Autos in den Städten wünschen. Der Ruf nach familiengerechten Radwegen wird immer lauter.

Die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und der Tagesspiegel berichten zu durchschnittlich drei Prozent in ihren Verkehrsteilen wie „mobil“ oder „mobiles leben“ über das Fahrrad, das Hamburger Abendblatt gar nicht. Die redaktionelle Berichterstattung in den sonstigen Teilen der Zeitung wurde nicht analysiert.

Erfreulich sind die Entwicklungen beim Tagesspiegel: Die Berichtsanteile über den Radverkehr sind auf durchschnittlich 10% angestiegen und lagen in einigen Ausgaben sogar bei fast 17% - jenen 550 cm2 Flächenanteil, der vermutlich den Radverkehrsanteilen in Berlin für 2015 entspricht. Auch in den sonstigen Teilen des Tagesspiegel ist erfreulich viel über den Radverkehr zu lesen.

„Gäbe es den Titel: Der Tagesspiegel wäre für uns die mobilitätsehrlichste Zeitung, das Hamburger Abendblatt stellt das Schlusslicht unserer Auswertung dar“, so Strößenreuther. „Wir wollen genauso selbstverständlich über Bus und Bahn, Fuß- oder Radverkehr lesen, wie wir jahrelang uns Artikel über eine nicht zukunftsfähige Mobilitätsform, das Auto, lesen mussten.“

Über 400 Mio. Euro pro Jahr gibt die Automobil-Industrie für Werbeanzeigen in den Zeitungen (2013) aus. In einem Hintergrundgespräch mit einem Chefredakteur wurde jeglicher Zusammenhang zwischen Werbung und ausgewogener Berichterstattung verneint. „Ein Anlass, einmal mit dem Lineal nachzumessen: Wir waren überrascht und würden uns freuen, wenn Chefredakteure sich in Zukunft mehr um alle Verkehrsteilnehmer kümmern würden.“

 

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